Papier ist für uns alle ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. So selbstverständlich, dass wir schon lange nicht mehr drüber nachdenken, was wir eigentlich ohne Zeitungspapier, Toilettenpapier, Bücher oder Tempos machen würden. Selbst die viel geschmähte Zigarette ließe sich nicht ohne das passende Zigarettenpapier rauchen, auch der Kaffee wäre ohne Filterpapier nur noch der halbe Genuss. Das stellte Heidi Niemz, die bei Schneidersöhne die FORUM Reihe organisiert, in ihrem Einstiegsreferat sehr anschaulich dar.
Auf die Technik der Papierherstellung ging Christoph Weinert, Abteilungsleiter Qualität und Technik bei Schneidersöhne, ein. Er streifte die Stationen zum Rohpapier mit all den zum Einsatz kommenden Roh- und Hilfsstoffen und hob im Besonderen auf die Oberflächencharakteristik der Bedruckstoffe ab: Matt- und halbmatt gestrichene Papiere nehmen mit der Entwicklung in den letzten drei Jahrzehnten 70% des gegenwärtigen Marktvolumens ein, während glänzend gestrichene Sorten gerade noch bei 30 % liegen. Sein Fazit: Papier wird nicht neu erfunden, Papier wird ständig weiterentwickelt. Es hat sich von einem Informationsträger zu einem wichtigen Unterscheidungsträger gewandelt.
Praktischen Anschauungsunterricht leistete anschließend Kerstin Matern, Agenturberaterin bei Schneidersöhne. Da wurden aus schönen schwarzen Schachteln wertvoll aufgemachte Hotelprospekte, Modekataloge, aber auch Broschüren von Banken und Innenausstattern gezaubert. Besonders beeindruckt waren die Teilnehmer von dem bunten Materialmix, Konsumqualitäten als Auflagen-Papier und farbige geprägte Papiere für den Umschlag erwiesen sich als gelungene Mischung. Gerade die manchmal etwas langweilig wirkenden Geschäftsberichte wurden dadurch zu einem Hingucker.
Im Referat von Bernd Stehr, gelernter Drucker und technischer Berater von Arjo Wiggins Feinpapier, ging es darum den Blickwinkel der Zuhörer auf bestimmte Sorten innerhalb der Kollektion „Specials“ bei Schneidersöhne zu lenken. Er stellte klar, dass gestrichene Papiere unverzichtbarer Bestandteil der meisten Druckjobs sind, die kreative Anwendung sehe er jedoch eher in Naturpapieren wie „Conqueror“ oder „Impressions“ aus dem Herstellungsprogramm von Arjo Wiggins. Solche Produkte könnten als Aufmacher hohe Aufmerksamkeitswerte erzielen. Eine irisierende oder metallische Oberfläche werbe für sich – „einen solchen Bogen muss ich nicht mit einem Farbsatz, Schmuckfarben oder Lack zukleistern“, so die Meinung von Bernd Stehr.
Bernd Stehr gab auch wertvolle Hinweise zum erfolgreichen Bedrucken von Naturpapieren. Er plädierte als Obergrenze für ein 60-er Raster oder 150 dpi. Zu empfehlen sei in der Reproduktion auf jeden Fall Unterfarbenreduzierung (UCR) bei Farbsätzen, um den Trocknungsprozess zu beschleunigen. Bewährt hätte sich auch der Einsatz frequenzmodulierter Raster auf ungestrichenen Papieren. Wichtig sei vor allem – und hier appellierte er gleichermaßen an die anwesenden Produktioner aus den Agenturen und an die Fachleute aus der Druckbranche – im Vorfeld des Auftragsablaufes untereinander die Kommunikation zu suchen.
Über Farbort und Farbtrocknung in Abhängigkeit der Bedruckstoffe sprach Jürgen Riedlinger, Technischer Direktor bei der Flint Group.
Naturpapier braucht ungefähr viermal so lange zum Durchtrocknen wie gestrichenes Papier, hat einen hohen Farbbedarf und ist nicht ganz so einfach in der Weiterverarbeitung.
Dies lässt sich jedoch mit dem Einsatz oxydativ trockender Farben weitgehend vermeiden. Jürgen Riedlinger sprach sich für den Einsatz von Schmuckfarben als Sonderfarben aus, denn eine beträchtliche Anzahl von Schmuckfarben kann durch den Mehrfarbendruck nicht dargestellt werden. Dennoch ist er der Meinung, dass Schmuckfarben als Sonderfarben kein überproportionales Wachstum erleben werden. Am Ende seiner Ausführungen gab Jürgen Riedlinger noch einen Überblick darüber, welcher Einflüsse die Druckreihenfolge und das Papier auf den Farbort haben.
Zum Abschluss von „Papier hautnah“ besuchten die Teilnehmer die zu Arjo Wiggins gehörende Papierfabrik in Arches. 450 Beschäftigte produzieren dort auf sieben Papiermaschinen Dekor-Papiere für Laminate, Abrasiv-Papiere (Schleifpapiere) und Papiere für den Künstlerbedarf. Als Besonderheit gelten die zwei Rundsiebmaschinen, deren Laufgeschwindigkeit gerade mal 25 m/min bei Flächengewichten von 80 bis 1 200g/m² beträgt, wobei die Entwässerung in der Siebtrommel erfolgt. Papiere dieser Art werden von der Rolle manuell auf Format gerissen und bei diesem Vorgang einer sorgfältigen Kontrolle unterzogen. Die Künstlerpapiere aus Arches gelten als der Rolls Royce unter den Papieren.
30.Mai 2007